Die Qual des Aal

Der Aal ist uns allen ein alter Bekannter, zwar irgendwie sonderbar für einen Fisch, aber nicht unvertraut, zumindest als «Begriff». Aber was wissen wir eigentlich? In Tat und Wahrheit ist der Aal ein geheimnisvolles Wesen, ein zäher und weit gereister Geselle, der schier unüberwindliche Hindernisse zu meistern vermag, um am Ende doch an diesen zu scheitern.

Der Aal entstammt der Tiefe der Sargassosee im West-Atlantik, lässt sich als kleine Larve mit dem Golfstrom an die europäische Küste treiben und wandert schliesslich in die Binnengewässer ein, wo er fast sein gesamtes Leben verbringt. Wenn die Zeit reif ist, viele Jahre später, wandert er über die Bäche, Flüsse und Ströme zurück ins Meer und schwimmt gegen den Golfstrom zurück zu seinem Geburtsort, wo er in grosser Tiefe den Akt der Fortpflanzung vollzieht und danach erschöpft stirbt. Etwa 10’000 km legt der Aal im Laufe seines Lebens zurück, 5’000 km hin, 5’000 km retour.

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Der Europäische Aal (Anguilla anguilla), ein geheimnissvoller Geselle. Schweizer Fisch des Jahres 2018.

Schon immer war der Lebenszyklus der Aale eine ungeheure Leistung, doch seit der Mensch die Meere und Binnengewässer verschmutzt, bereits im küstennahen Meer den kleinen Glasaalen nach dem Leben trachtet (da diese als Delikatesse gelten) und den einwandernden Gelbaalen sowie den abwandernden Blankaalen Hindernisse wie Wasserkraftanlagen in den Weg stellt, ist dieser Lebenszyklus für die Aale kaum mehr zu bewältigen. Einst eine sichere Überlebensstrategie im Wettlauf um Ressourcen, ist diese Lebensweise heute zu einer grossen Hypothek verkommen: Der Aal ist akut bedroht und wie weitere diadrome1 Fische nahe am Aussterben und regional bereits verschwunden.

Es grenzt an ein Wunder, dass der Aal nicht bereits ausgestorben ist. Er ist dringend auf unsere Hilfe angewiesen.

Mittlerweile hat sich vielerorts ein Bewusstsein für diese Problematik etabliert und entsprechende Regeln zur Wiederherstellung der freien Fischwanderung wurden in Gesetze verankert. So auch in der Schweiz: Mit Inkrafttreten des revidierten Gewässerschutzgesetzes im Jahr 2011 wurden die Betreiber von Wasserkraftanlagen dazu verpflichtet, die freie Durchgängigkeit flussauf- wie auch flussabwärts wiederherzustellen. Fische dürfen auch nicht durch Anlageteile verletzt oder gar getötet werden.

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Endstation Turbine. Statt den Rhein hinab und quer über einen Ozean ist bereits in der Schweiz Schluss.

Die biologischen Grundlagen und Wirkmechanismen für die aufwärts gerichtete Fischwanderung wird heute relativ gut verstanden. Der Fischaufstieg kann durch die fachkundige Errichtung von Fischaufstiegshilfen («Fischtreppen») und Umgehungsgerinnen erfolgreich wieder hergestellt werden. Die Situation beim Fischabstieg ist eine ganz andere: Fischtreppen und Umgehungsgerinne werden von den Fischen kaum zur abwärts gerichteten Wanderung genutzt.

Der Fisch kommt nicht die Treppe runter.

Zur Wiederherstellung und Sicherstellung des Fischabstiegs wären eigens dafür entwickelte Anlagen und Bypass-Systeme erforderlich. Allerdings steht die Erforschung der verhaltensbiologischen Grundlagen noch am Anfang und bisherige Erkenntnisse legen nahe, dass das Verhaltensspektrum der verschiedenen Arten sich bei der flussabwärts gerichteten Wanderung stark unterscheiden kann. Insbesondere unser Aal gilt diesbezüglich als Sonderfall, ja geradezu als verhaltensauffälliger Querulant, der auf Konventionen pfeift: Sein Abwanderverhalten und seine Reaktion auf Wanderhindernisse unterscheiden sich deutlich von den meisten anderen Fischen.

Es werden jedoch grosse Anstrengungen unternommen: Die Wissenschaft arbeitet mit Hochdruck an den verhaltensbiologischen und technischen Grundlagen, die ingenieurstechnische Machbarkeit wird geprüft und Gewässerökologinnen und Gewässerökologen müssen die Wirksamkeit der Massnahmen beurteilen. Die Wasserkraftbetreiber, angewiesen auf funktionsfähige Lösungen, sind bestrebt dies umzusetzen. Allesamt mit dem Ziel, eine freie Fischwanderung zu ermöglichen, auch für den Aal – unseren «altbekannten» Sonderling – damit er unverletzt ins Meer zurückschwimmen kann, um dort ungestört seinen geheimnisvollen «Machenschaften» nachzugehen… wie seit Urzeiten! Dafür setzen wir uns ein.

1Diadrome Fische verbringen Teile ihres Lebens im Meer sowie in Binnengewässern und legen dazu lange Strecken zurück.

Hier können Sie die aktuelle Petition der Kampagne «Wanderfische» unterschreiben.

Flyer und Online–Dossier zum Fisch des Jahres 2018 des Schweizer Fischerei-Verbands.

Aktueller Fernsehbeitrag des SRF zum Thema Sanierung der Wasserkraft und Fischabstieg.

Video des SRF zur Schädigung von Aalen durch Kraftwerkanlagen (Achtung: Schockierende Bilder).

 

Wie die Binde in den Bach gelangt

Bei Untersuchungen an Fliessgewässern und Seen im Siedlungsgebiet werden teilweise unappetitliche Funde gemacht. Liegen etwa Hygieneprodukte im Bach, so sind unsere Gewässerschutzbestimmungen nicht erfüllt und es besteht Handlungsbedarf. Aber wie kommen solche Abfälle überhaupt in unsere Gewässer?

Leider wird die WC-Schüssel noch immer zu oft als Müllschlucker verwendet. So finden sich in den Rechen der Kläranlagen Kondome, Katzenstreu, Zigarettenstummel und Hygieneartikel wie Binden, Windeln, Feuchttüchlein. Solche Feststoffe aus der Siedlungsentwässerung müssen aufwendig entfernt und der Kehrichtverbrennung zugeführt werden.

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Der See ist eine Senke für Abfälle aus der Siedlungsentwässerung.

Die WC-Schüssel kann – etwa bei Starkniederschlagsereignissen – eine direkte Verbindung zum nächstgelegenen Bach sein.

Ob Abfälle auf dem Weg zwischen Verursacher und Kläranlage nun in ein Gewässer gelangen können, hängt von der Art der Abwasserentsorgung ab. Das Abwasser aus der Siedlung wird entweder in Misch- oder in Trennsystemen gesammelt. Bei Mischsystemen wird das häusliche Abwasser, gemischt mit oberflächlich anfallendem Regenwasser von Dächern, Plätzen und Strassen, der Kläranlage zugeführt. In Trennsystemen wird das häusliche Abwasser ebenfalls der Kläranlage zugeleitet. Das Regenwasser gelangt hingegen in einer separaten (vom Abwasser getrennten) Leitung ohne vorgängige Reinigung in das nächstgelegene Gewässer, was unter Einhaltung gewisser Bestimmungen sinnvoll und unproblematisch ist.

Die im WC herunter gespülten Abfälle können nur beim Mischsystem in unsere Gewässer gelangen. Da das Kanalisationsnetz nicht auf das Ableiten des gesamten anfallenden Abwassers dimensioniert werden kann, werden bei Mischsystemen Überlaufbauwerke (Hochwasserentlastungen, Regenbecken) eingebaut. Diese Verhindern bei Starkniederschlagsereignissen die Überlastung bzw. den Rückstau im Kanalisationsnetz. Wo Regenbecken vorhanden sind, können diese die anfallende Abwasserflut kurzfristig zwischenspeichern und nach Abklingen des Starkniederschlagsereignisses kontinuierlich an die Kläranlage abgeben. Sind jedoch keine solchen Anlagen vorhanden oder kann das Abwasservolumen dennoch nicht bewältigt werden, so gelangt das Abwasser über Entlastungsstollen direkt ins Gewässer. Und damit auch diverse Abfälle aus der Siedlungsentwässerung.

 

Gewässerökologische Untersuchungen geben Auskunft über den Zustand der Gewässer und zeigen allfälligen Handlungsbedarf auf.

Zur Vermeidung oder Reduktion schädlicher und lästiger Auswirkungen der Siedlungsentwässerung erarbeiten Gemeinden oder Abwasserverbände den Generellen Entwässerungsplan (GEP). Dieser dient als Instrument für den Vollzug des Gewässerschutzgesetzes bzw. der Gewässerschutzverordnung und ist regelmässig nachzuführen. Bei der konzeptuellen Planung von Regenwasserentlastungen gemäss Richtlinie STORM kommt eine immisionsorientierte Betrachtungsweise ins Spiel. Gewässerökologische Untersuchungen zum Zustand der Gewässers (Lebensgemeinschaft der Wasserwirbellosen, Wasserqualität, Äusserer Aspekt) dienen als Beurteilungsgrundlage und zeigen den Handlungsbedarf auf. Darauf aufbauend können gezielte Massnahmen ergriffen werden, etwa damit Kondome und Binden nicht mehr den Weg in den Bach finden.

 

Weitere Informationen zu unserer Tätigkeit im Bereich Siedlungsentwässerung finden sie hier.

Download: Richtlinie STORM (kostenpflichtig).

Tätowierte Fische

Der Anker auf dem Oberarm ist nicht das Motiv der Wahl, wenn es darum geht, Fische mit einer Tätowierung zu markieren. Eine kleine Menge Tinte genügt dem Ökologen, um Forellen und Co. bei der Untersuchung eines Gewässers wiederzuerkennen.

Man begegnet sich immer zwei Mal im Leben. Zumindest ist dies das Ziel bei Markierversuchen mit Fischen. Der Gewässerökologe interessiert sich für das Verhalten der Fische in einem Bach und ist bei gewissen Fragestellungen darauf angewiesen, die mittels Elekrobefischung (wieder-)gefangenen Tiere zu identifizieren. Als kostengünstige Methode kann hier ein eigentliches Tätowiergerät für Fische zum Einsatz kommen, mittels welchem eine kleine Menge Tinte unter die Haut am Bauch gespritzt wird. Das Motiv sorgt nicht für modische Akzente, es entsteht lediglich ein kleiner jedoch gut erkennbarer Punkt.

Aesche
Das Tattoo-Motiv für diese Äsche ist nicht ein Herz oder ein Anker, sondern nur ein kleiner Farbpunkt am Bauch.

Eine tiergerechte Handhabung lebender Fische setzt fundiertes Fachwissen und eine entsprechende Ausbildung voraus.

Der Umgang mit lebenden Fischen setzt solides Grundwissen und eine sorgfältige Vorbereitung voraus. Nur so können wertvolle Informationen über den Zustand der Population und die Funktionsfähigkeit der Lebensräume gewonnen werden, ohne den Tieren Schaden zuzufügen. So bleibt es bei einem kleinen Schrecken und einer stilsicheren Körperverzierung, bevor Bachforelle, Äsche und Co. zurück ins Wasser können.

Die Farbmarkierung ist nicht für alle fisch- oder gewässerökologischen Fragestellungen die beste Methode. Steht etwa das Wanderverhalten bei der Wiederherstellung der Fischgängigkeit nach Gewässerschutzgesetz im Fokus, so kann das PIT-Tagging1 oder eine andere Telemetrie-Methode zielführender sein. Damit werden die Bewegungen der Tiere registriert um Massnahmen, welche dem Fischauf- und -abstieg dienen, zu planen oder zu überprüfen. Denn Fische sind mobile Tiere, sie suchen zu verschiedenen Jahreszeiten und je nach Lebensphase unterschiedliche Lebensräume auf. Ein Besuch im  «Tätowierstudio» gehört normalerweise jedoch nicht dazu.

1 PIT steht für «passive integrated transponder». Mit einer solchen elektronischen «Marke» versehene Individuen lassen sich über eine Antenne und ein Lesergerät individuell identifizieren, ohne dass man sie dafür erneut fangen muss.

Es gibt gar kein Seegras

Bei Gewässeruntersuchungen im Feld werden wir oft in skurrile Unterhaltungen verwickelt. In diesen spannenden Gesprächen mit interessierten Passanten offenbart sich oft inspiriertes Halbwissen. Das Thema Gewässer, unsere Bäche, Flüsse und Seen, sind in aller Munde. Als Gewässerökologen möchten wir Einblicke in diese faszinierenden Lebensräume und in unsere Tätigkeit geben.

Unter der Wasseroberfläche verborgen liegt eine faszinierende Naturwelt, ein wahres Bijoux.

«Ja gelled Sie, das Jahr hets viel Seegraas!» So oder ähnlich klingt es oft, wenn wir interessierte Passanten darüber informieren, dass wir gerade eine Untersuchung der Unterwasserpflanzen durchführen. Nur: Was im Volksmund Seegras genannt wird, ist – botanisch gesehen – gar kein Gras! Sondern es sind Blütenpflanzen mit grasartigem Erscheinungsbild, also dünnen Stengeln und zum Teil fadenartigen Blättern. Sie sind Teil einer beeindruckenden Artenvielfalt unter der Wasseroberfläche, welche für das Auge leider grösstenteils verborgen bleibt. Die Flachwasserzone ist ein faszinierender Lebensraum, ein wertvolles Unterwasserökosystem, Heimat für Pflanzen, Muscheln, Fische, Krebse, Schnecken und vieles mehr.

 

Es geht um mehr als um Wasserqualität, unsere Gewässer sind unter Druck.

Doch nicht nur beim «Seegras» steckt mehr dahinter, als vielen Leuten bewusst ist. So hören wir etwa während gewässerökologischer Untersuchungen an Bächen oft: «Aber s’Wasser isch doch suuber?» Die Antwort ist leider kein klares Ja, wie aktuell die öffentliche Debatte zu Pestizidrückständen und Mikroverunreinigungen in den Gewässern zeigt. Zu einem grossen Teil geht es bei unserer Arbeit auch um mehr als die chemische Wasserqualität. Restwasserproblematik, Hochwasserschutzprojekte oder morphologische Beeinträchtigungen sind einige der Gründe, warum wir am Bach oder See Untersuchungen durchführen.
Die Nutzungsansprüche an unsere Oberflächengewässer sind vielfältig, ein Grossteil der Fliessgewässer ist verbaut, der Druck auf die Organismen ist gross. Die Erhaltung und Wiederherstellung funktionsfähiger und naturnaher Gewässer – notabene ein gesetzlicher Auftrag – ist eine grosse Herausforderung. Unter vielem Anderen braucht es ein Bewusstsein dafür, dass es nicht nur um die Wasserqualität geht. Und um ein Verständnis für die wertvollen Ökosystemdienstleistungen, welche durch intakte Gewässer erbracht werden.

Die verheerende Belastung mit Düngereinträgen aus der Landwirtschaft sowie Abwasser aus Siedlung und Industrie der 1980er-Jahren konnten durch Schutzvorschriften und mit grossen Investitionen in Kanalisation und Kläranlagen glücklicherweise weitgehend reduziert werden. Eine Schweizer Erfolgsgeschichte im Gewässerschutz! Doch an weiteren Aufgaben fehlt es nicht.

 

Es ist klar: durch unsere Arbeit und unsere Erfahrung betrachten wir unsere Gewässer mit anderen Augen. In diesem Blog möchten wir den Blick auf die bezaubernden Wasserwelten lenken, Einblick in den Alltag von Gewässerexperten geben und den Blick schärfen für die Herausforderungen, mit welchen unsere Schweizer Gewässer konfrontiert sind.

Weitere Informationen zu unseren Tätigkeiten finden Sie hier. Oder kontaktieren Sie uns einfach, wir freuen uns über Rückmeldungen. Sie haben auch die Möglichkeit diesem Blog zu folgen oder diesen weiter zu empfehlen.