Algen – ein Partyknaller

Beim Smalltalk gibt es viele ungeschriebene Regeln und individuelle Verhaltensweisen. Ein unschlagbarer Trick von Gewässerökologen um aus einer Smalltalk-Runde auszusteigen ist es, gnadenlos und aus dem Nichts heraus das Thema auf Algen zu lenken. Das interessiert niemanden und schon bald entfernen sich die Gesprächspartner mit entschuldigenden Worten. Sollte doch einmal jemand zuhören muss man trotzdem ein paar faszinierende Wissensbissen parat haben.

Erfahrungsgemäss generiert das Wort «Algen» eher eine Abneigung. Gemäss einer vor Jahren ausgeführten Google-Analyse wird der Begriff gehäuft im Frühjahr und Vorsommer gesucht. Also zum Zeitpunkt der Veralgungen in Biotopen. Während vor Jahren noch Hinweise zu «Algiziden» als bestes Resultat erschien, so sind heute Definitionen und biologische Erläuterungen wie auch Algen als Lebensmittel und Algen als grüne Energiequelle auf den ersten Positionen. Doch wer glaubt, dass dies ein Sympathiegewinn gegenüber Algen ist, irrt. Auch auf die Wortsuche wie ‚Pandabär‘, ‚Fisch‘ oder ‚Mord‘ kommen als beste Antworten immer die Definitionen und Worterklärungen. Es wurden also bloss der Algorithmus angepasst.

Algen leben nicht nur im Wasser, werden jedoch vor allem als glitschige grüne Suppe wahrgenommen.

Immerhin, Algen sind mehr als nur störende Organismen. Interessant ist nur schon – und dies als geeignetes Thema in der Badi – wie sich Algen vor der Sonne schützen. Je nach Bedingungen und Art bilden gewisse Algen neben dem bekannten Blattgrün (Chlorophyll) noch weitere akzessorische Pigmente. Bekannt sind z. B. die Karotinoide, also gelblich bis rötliche Farbstoffe, wie wir sie von den Rüebli kennen. Dazu gehören die Astaxanthine – Aussprache üben, das macht Eindruck bei den Zuhörern! – welche als UV-Schutz dienen können. So etwa bei Schneealgen (z. B. Chlamydomonas nivalis), welche den sogenannten Blutschnee bilden. Oder die Luftalgen der Gattung Trentepohlia, welche an Mauern, auf grossen Steinen wachsen. Oder gewisse Arten wie die Grünalge Haematococcus pluvialis (Blutregenalge), welche unter schlechten Lebensbedingungen rötlich gefärbte Dauerstadien bildet.

Sollte das Thema Sonnenschutz etwa «austrocknen» und gerade Lachshäpchen serviert werden, Päng!: ein Übergang zur Kulinarik ist ohne Weiteres möglich. Die Astaxanthine sind nämlich verantwortlich für die Rotfärbung der Krebstiere wie Krill, da diese solche rot verfärbte Algen fressen. Auch die zart rosa Färbung des Lachses entsteht dank dem erlaubten Futtermittelzusatzstoff Astaxanthin (2a161j). Die Futtermittelbuch-Verordnung (FMBV, SR 916.307.1) regelt den Einsatz genau. Und woher haben dann die Wildlachse ihre Färbung? Eben, von sonnenbadenden Algen. Und somit nochmals einen Anlauf beim Sonnencreme-Thema.

Marine planktische Algen schützen sich auch vor zu viel Licht. Sie haben aber eine ganz andere, viel komplexere Lösung gefunden. Diese Algen generieren im Wasser einen Stoff, genannt DMSP (Dimethylsulfidpropionat), welcher anschliessend im freien Wasser bakteriell zum gasförmigen Aerosol DMS (Dimethylsulfid) umgewandelt wird. Diese schwefelhaltige organische Verbindung gibt dem Meer den typischen Geruch. Das Gas DMS steigt in die Atmosphäre auf, wird dort oxidiert bis hin zu Schwefelsäure, welche zu Tröpfchen kondensieren, was letztlich zu Wolkenbildung führt. Die Algen sorgen so für Beschattung, vor allem über den Ozeanen der Südhalbkugel. Also mit diesen Ausführungen beeindruckt man an jeder Strandparty!

Ah, da wird Sushi herumgereicht! Also zurück zur Ernährung. Da haben Algen viel zu bieten: Das Nori zur Ummantelung der Reisbällchen beim Sushi ist natürlich eine Alge. Soll auch den Cholesterinspiegel senken. Unglaublich reich an Aminosäuren, Sterolen, Vitaminen und Mineralstoffen ist die marine Braunalge Laminaria japonica. Ihre Blätter können bis 3 m lang werden. Dank den Sterolen (Fucosterol) soll die Art Blutgerinsel (Thrombosen) verhindern. Das Thema ist abendfüllend!

Doch über Algen lässt sich auch mit Energiefreaks und Technik-afinen Personen sprechen. Arten der fädigen Grünalgengattung Cladophora, welche bei uns sehr häufig vorkommt, aber auch andere Algen, enthalten Zellulose. Diese Algen-Zellulose hat grosses Potenzial als Alternative zu Plastik, also als biologisch abbaubare Kunststoffmaterialien. Es können sogar Nanopartikeln gewonnen und High-Tech Filter produziert werden. Das macht natürlich Eindruck, wer hätte das von den Algen gedacht?

Ohne Weiteres schafft man auch den Wechsel vom Dauerthema Klimawandel zu den Algen. Etwa, weil die Algen in den Ozeanen sehr viel Kohlenstoffdioxid (CO2) binden. Geoingeenering ist das Schlagwort, wenn es darum geht, die Meere zu düngen, damit mehr Algen wachsen. Je nach Zuhörerschaft kann man dann die ökonomischen Aspekte – völlige Geldverschwendung! – oder die ökologischen Bedenken – Ökosystemkollaps! – erörtern. Aber Algen als Energielieferanten, sei es für Bio-Diesel, Bio-Ethanol oder Biomasse, werden in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Hat man schon Algen-Benzin im Tank kann man sich ganz avantgardistisch geben!

Befindet man sich auf einer Kunstausstellung mit einem Publikum mit Sinn für Ästhetik? Auch dann: Algen sind faszinierende Organismen! Einfach schön, zumindest im Mikroskop betrachtet. Ganz attraktiv sind Zieralgen (Desmidiaceen, Desmidiales) oder Kieselalgen (Diatomeen, Bacillariophyceae). Beide Algengruppen zeitlos beliebt als fotogene Sujets bei Mikroskopievereinigungen, aber auch Inspiration bei der Schmuckherstellung und im Zusammenhang mit Architektur ein Hammer.

Aber wenn am Schluss doch noch die Ökologie durchdrückt: Kieselalgen wie auch andere Algen sind bekannte Bioindikatoren. Insbesondere die Kieselalgen sind im Süsswasser indikativ hinsichtlich Abwasser-, Nährstoff-, Salz- und Säurebelastungen. Und das aus Siliziumdioxid bestehende Skelett der Kieselalgen bleibt normalerweise über Jahrhunderte bis sogar Jahrmillionen (Baikalsee) im Seesediment erhalten, so dass mit gezielten Analysen eines Sedimentes die Trophiegeschichte eines Sees über die Zeit rekonstruiert werden kann.

Man sieht gleich: das Thema «Algen» wäre DER Partyknaller! Und doch findet es kaum Anklang. In der Schweiz gibt es ein paar wenige Algologen; viele von ihnen ältere Semester. Die Algen hätten Einiges zu bieten; wenn sie denn auch in den Fokus von Lösungen beigezogen würden. Mit dem Klimawandel werden subtropische Algenarten vermehrt in unseren stehenden Gewässern aufkommen und möglicherweise Probleme bieten. Sei es durch die Massenentwicklungen und/oder durch die Bildung von Toxinen; was die Bade- und Trinkwasserqualität wie auch die Haltung von Nutztieren beeinträchtigen kann. Die Zahl diesbezüglicher Schlagzeilen nimmt jedenfalls zu. Insofern gäbe es noch viele Themen, die nicht Smalltalk-Themen sind, sondern sehr konkrete, ernst zu nehmende Themen. Und von künftiger Bedeutung.

Den Algen selbst ist es egal, etliche werden aussterben, sind schon ausgestorben ohne dass es bemerkt wurde. Andere gebietsfremde Arten profitieren, verdrängen die einheimischen Arten, ohne grosses Aufsehen zu erregen. Wer weiss, vielleicht hilft ja der eine und andere Smalltalk beim richtigen Anlass, um den Algen zu mehr Bedeutung zu verhelfen.

Da müssen wir ganz genau hinschauen

Luftbilder sind eine tolle Sache! Leider ist die Auflösung für gewisse gewässerökologische Fragestellungen nicht gut genug. Oder doch!?

Bei Bedarf können wir sie einfach selber herstellen! Mit modernen Methoden der Photogrammetrie ist eine Bodenauflösung von <1 cm möglich, genug etwa, um in Flussauen sandige von kiesigen Flächen zu unterscheiden. Oder um Weiden und Erlen auseinanderzuhalten. Arbeitet man erstmals mit solchen Bildern, kommt es einem vor, als hätte man bisher eine Schicht Butter auf dem Bildschirm gehabt.

Den Blick schärfen: Bodenauflösung von 25cm vs. 1.5 cm.

Arbeitet man erstmals mit solchen Bildern, kommt es einem vor, als hätte man bisher eine Schicht Butter auf dem Bildschirm gehabt.

Neben der tollen räumlichen Auflösung können natürlich auch die Zeitintervalle zwischen Aufnahmen selbst gewählt werden. Beim Monitoring von kontinuierlichen, periodischen oder episodischen Veränderungen ist dies sehr hilfreich. Die Veränderungen in den Lebensräumen können so präzise verfolgt und dokumentiert werden.

Die Entwicklung überwachen: Delta eines neu geschaffenen Gerinnes.

Aber auch bei kurztfristigen, zu erwartenden Veränderungen kann es helfen, sich «ein (hochaufgelöstes) Bild» zu machen. Etwa bei einem Dotierversuch – um die Auswirkungen von Schwall-Sunk auf ein Gewässer zu untersuchen – können Vorher-Nachher Aufnahmen kleinste Unterschiede zu Tage fördern, welche im Feld nur schwer erkennbar sind.

Die Unterschiede erkennen: Benetzte Flächen bei Sunk und Schwall.

Und schlussendlich ist der Mensch schlichtweg ein visuell orientiertes Wesen. Noch so viele Worte können nicht beschreiben, was ein (zwei) Bild(er) vor Augen führt. Wie die Erosion durch ein grosses Hochwasser.

Die Prozesse sichtbar machen: Ersosion und Deposition nach einem Hochwassereigniss.

Und, wo möchten Sie genauer hinschauen? Wir haben die Werkzeuge.

Die Theorie in der Seeuferrevitalisierung: eine äusserst praktische Angelegenheit?

Wieviel Theorie ist zu viel und wieviel Praxis ist zu wenig? Im Artikel «Ökologisches Konzept» stellt der Autor einen Ansatz für Seeuferrevitalisierungen vor, welcher die Herleitung der Massnahmen in einem «PRAKTIK-Modus» und einem «EXPERT-Modus» unterscheidet.

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Ökologisches Konzept Seeuferrevitalisierung, Variante «INTERMEDIA». Grafik: AquaPlus AG.

Link zum Artikel «Ökologisches Konzept» (Fachzeitschrift Ingenieurbiologie, Heft Nr.1/2020).

Dynamik oder «Disneyland»?

Dieser Frage geht der Autor im neu zum download verfügbaren Artikel nach. Eine Frage des Platzangebotes, heisst die einfache Antwort. Doch: was wollen wir?

Dynamik oder Disneyland
Die Visualisierung zeigt wie die Thur bei Niederbüren nach einer Revitalisierung aussehen könnte. Quelle: Zeitschrift aqua viva 03/2020. Foto: Peter Rey, Netzwerk HYDRA

Link zum Artikel: Revitalisierung von Fliessgewässern: Dynamik oder «Disneyland»? Eine Frage des Raumangebotes

Nichts gegen die Froschperspektive

Wir mögen Frösche und würden uns niemals über deren Untersicht lustig machen. Wenn es aber darum geht, für ein grösseres Gebiet die Übersicht zu erhalten, dann ist uns die Vogelperspektive lieber. Insbesondere die Perspektive der «Wasseramsel 1», unserer Drohne.

Die seeseitige Schilffront am Zugersee wird alle zwei Jahre vermessen und kartographisch dargestellt. Um die Bestandesentwicklung des Schilfgürtels zu erfassen kam dabei 2019 erstmals die Nahbereichsfernerkundung zum Einsatz, also die Datenerfassung mit einer Drohne. Die Auswertung mittels Photogrammetrie-Software und Geografischem Informationssystem erlaubt eine präsize und effiziente Vermessung der Schilffront. Doch sind es auch die weiteren Möglichkeiten der Auswertung, welche für diese Vorgehensweise sprechen. Die hochauflösenden Orthofotos und das digitale Oberflächenmodell, welche generiert wurden, erlauben die Erhebung einer ganzen Reihe von weiteren Parametern. Erosions- und Depositionsprozesse, Vegetationsindizes oder das Vorkommen von invasiven Neophyten sind einige der Aspekte, welche mit dem notwendigen Hintergrundwissen und einem geschulten Auge beurteilt werden können. Dem ökologischen Monitoring bieten sich so ganz neue Möglichkeiten.

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Bei der Planung und Durchführung solcher Aufnahmen ist es sehr wichtig, Störungen von empfindlichen Arten zu vermeiden. Aufnahmezeitpunkt und -dauer sowie weitere Parameter der Befliegung sind daher sorgfältig zu wählen. Und auch die notwendige Rücksichtsnahme auf Erholungssuchende ist angezeigt. Werden diese Aspekte berücksichtig ist eine Aufnahme mit Drohne weit weniger «invasiv» als herkömliche Vermessungsmethoden.

Weiterführende Links:

 

Beispieldarstellung hochaufgelöst:

Schnee von gestern

Die Erzeugung von technischem Schnee hat in den letzten rund 20 Jahren stark zugenommen. Während 1997 in der Schweiz noch weniger als 5 % der präparierten Pistenfläche beschneit wurden (mit Schnee von gestern), sind es aktuell um 40 % (mit Schnee von heute). Als Folge der Klimaerwärmung wird prognostiziert, dass die mittleren Temperaturen im Winter und damit verbunden auch die Schneefallgrenze deutlich ansteigen werden. Aktuell verkündet MeteoSchweiz in Höhenlagen über 1’000 m den drittwärmsten Januar seit Messbeginn 1864.

Situation in der Schweiz

Schneekanone

Seit 1990 hat sich der Anteil beschneiter Pistenfläche auf 92 km² verzehnfacht, was einer Fläche von 12’600 Fussballfeldern entspricht. Zurzeit sind 15’000 Schneekanonen und Lanzen im Einsatz. Der Wasserverbrauch schwankt je nach eingesetzter Technik, klimatischen Bedingungen und Standort. Für 1 m³ Schnee werden rund 0.2-0.5 m³ Wasser benötigt. Dies ergibt pro Hektare beschneiter Piste mit einer Schneehöhe von 30 cm einen Wasserbedarf von rund 600 bis 1’500 m³. Auf alle Beschneiungsanlagen der Schweiz hochgerechnet ergibt dies einen jährlichen Bedarf von 18 Millionen Kubikmeter Wasser, was etwa dem Bedarf von 140’000 Haushalten entspricht.

Charakterisierung von technischem Schnee und generelle Einflüsse

Für die Erzeugung von technischem Schnee sind Lufttemperaturen unter minus 3°C und eine Luftfeuchtigkeit von weniger als 80 % notwendig. Im Gegensatz zu natürlichem Schnee (20-300 kg/m³) ist technischer Schnee mit 400-480 kg/m³ um einiges dichter. Im Mittel enthält daher eine Kunstschneedecke rund doppelt soviel Wasser, wie eine natürliche Schneedecke. Technisch erzeugte Schneekörner sind rund und sehr klein (Körner mit 0.1 bis 0.8 mm Durchmesser). Da die Schneekörner beim Gefrierprozess oft platzen, entstehen sehr kleine und scharfe Schneesplitter. Der technisch erzeugte Schnee hat eine hohe Widerstandsfähigkeit und eignet sich daher bestens als Unterlage für den Aufbau einer Piste anfangs Saison.

Skipiste
Kunstschnee schmilzt später als natürlicher Schnee und führt dadurch zu einer veränderten Hydrologie.

Wasser für die künstliche Beschneiung wird vor allem dann gebraucht, wenn die Bäche wenig Wasser führen. Es braucht daher Speicher.

Der Wasserbedarf ist daher besonders im November und Dezember gross. Weil dann die Bäche wenig Wasser führen, wird das Wasser wenn möglich aus Reservoirs, Speicherseen oder natürlichen Seen bezogen. Mit dem Bau von Beschneiungsanlagen sind diverse bauliche Eingriffe in die Landschaft nötig (Leitungsbau, Betriebs- / Pumpgebäude, Verteilschächte, Pistenplanierungen, Speichersee etc.). Insbesondere der Leitungsbau und die Pistenplanierungen sind heikel und können Auswirkungen auf die Vegetation haben.

Weiterlesen „Schnee von gestern“

Der Sache auf den Grund gehen

In der Gewässerökologie liegen die Antworten meist nicht an der Oberfläche. Man muss der Sache auf den Grund gehen. Teilweise im wahrsten Sinn des Wortes. Gefragt sind dann beherzter Einsatz und Fokussierung auf die Fragestellung. Und manchmal ein Sprung ins kalte Wasser.

Wissen wo man suchen muss …
… und das richtige Rüstzeug, um Antworten zu finden.

Wir freuen uns auch im 2020 auf neue Herausforderungen und wünschen frohe Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Das Blog-Team von AquaPlus.

Auf Artenjagd mit MESAV+

Nein, bei MESAV+ handelt es sich nicht um eine neuartige Waffe. Es ist die Methodik zur Erhebung der Wasserpflanzen- und Seegrundverhälnisse. Wenn es darum geht, neue Arten nachzuweisen, kann sie jedoch als Schützenkönigin bezeichnet werden.

Da hat es in den letzten drei Jahren gleich x-Mal eingeschlagen. Zuerst zwei Fliegen mit einer Methode, äh, Klappe: Chara denudata (Nackte Armleuchteralge, DD) und Tolypella glomerata (Knäuel-Armleuchteralge, EN) im Zürichsee wieder entdeckt! Im Folgejahr erneut zwei Volltreffer mit Chara tomentosa (Geweih-Armleuchteralge, VU) an zwei Standorten. Alle drei Arten wurden entweder noch nie in diesem Gewässer festgestellt oder sie wurden seit mehr als 70 Jahren nicht mehr nachgewiesen.

Nitella mucronata (Stachelspitzige Glanzleuchteralge, EN) wurde im Zürich-Obersee «entdeckt».

Und die Erfolgsmeldungen beschränken sich dabei nicht auf den unteren Zürichsee, auch im Obersee konnten jüngst drei Arten wiederentdeckt werden: Nitella mucronata (Stachelspitzige Glanzleuchteralge, EN), Nitella syncarpa (Verwachsenfrüchtige Glanzleuchteralge, EN) und Nitella opaca (Dunkle Glanzleuchteralge, VU). Alle diese Arten weisen einen Rote Liste Status auf, ihr Nachweis ist deshalb besonders wertvoll.

Lange verschollen und nun also wieder da! Nur systematische Untersuchungen haben das Potenzial, mit Zuverlässigkeit sehr seltene Arten (wieder) zu entdecken. Und der Nachweis von wieder auftretenden Characeen-Arten im Zürichsee ist bedeutend. Es ist ein biologischer Nachweis für die Gesundung des grossen Sees, welcher nach einer langen Phase der überhöhten Nährstoffbelastung wieder Lebensraum für empfindliche Wasserpflanzen bieten kann.


Revitalisierung von Fliessgewässern in Zeiten des Klimawandels

Der Fachartikel «Revitalisierung von Fliessgewässern in Zeiten des Klimawandels» ist neu unter Publikationen zum Download verfügbar. Darin legen die Autoren dar, warum die Beschattung ein intergraler Bestandteil von Fliessgewässerrevitalisierungen sein sollte.

Kröten-Liebe muss unten durch

Das Leben von Amphibien ist ein Drahtseilakt zwischen Leben und Tod. Für die Fortpflanzung werden während der Laichwanderung Kopf und Kragen riskiert und es endet oft in einer schicksalshaften Tragödie. Dem «Liebesglück» muss ganz unpoetisch mit Amphibienschutzmassnahmen nachgeholfen werden.

Laichwanderung Erdkröten
Und jetzt schnell weg! Amphibien, hier ein Paar Erdkröten (Bufo bufo), überqueren bei der Laichwanderung im Frühjahr Strassen. Unter Lebensgefahr. © Erik Paterson, CC BY 2.0

Die eisigen Winternächte gehen zu Ende, ein milder Frühlingsregen erfrischt die Abendluft und Erdkröte Romeo spürt den Frühling. Er verlässt sein Winterdomizil im Waldboden und begibt sich auf die Suche nach seiner Julia. Doch die lange nächtliche Laichwanderung zum angestammten Laichgewässer – Amphibien sind da sehr ortstreu – birgt jede Menge Gefahren. Dass Liebe blind macht, hilft da auch nicht. So stellen die den Wanderkorridor durchtrennenden Strassen tödliche Fallen dar, denn Erdkröte Romeo setzt sich bevorzugt in Spähhaltung mitten drauf, um keine herannahenden Weibchen zu verpassen. Und dabei ist er nicht alleine! In den ersten Frühlingsnächten werden Dutzende bis Hunderte Erdkröten auf den Plan gerufen, wobei die Mänchen überwiegen (bis zu 8 Mal mehr). Im «hormonellen Höhenflug» passiert es nicht selten, dass das Erdkrötenmännchen alles umklammert, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. So wird auch leeren Coladosen, Holzstücken oder anderen Männchen Romeo’s «Krötenliebe» angediehen. Doch dank eisernem Durchhaltewillen erblickt unser Kröterich im trüben Regenschauer seine herankriechende «Traumdame». Blitzschnell packt er Erdkröte Julia mit seinen kräftigen Vorderbeinen und sie machen sich im Huckepack auf den Weg zur Laichablage. Doch plötzlich tauchen Scheinwerfer in der Ferne auf, nähern sich mit rasender Geschwindigkeit und – abrupt nimmt das «Liebesdrama» sein tragisches Ende.

Aber muss das sein? Kann man die Geschichte nicht umschreiben? Können Romeo und Julia nicht das «Liebesglück» im Teich finden? AmphibienspezialistInnen und GewässerökologInnen sind zwar nicht Amor, doch sie setzen sich ein für ein Happy End. Nicht mit Liebespfeilen, sondern mittels Planung und Umsetzung von Amphibienschutzmassnahmen.

Temporäre Amphibienzäune werden oft an stark befahrenen Strassen eingesetzt, bei welchen noch keine Amphibiendurchlässe existieren oder  diese bei der Planung versäumt wurden. Die Anlagen können auch dazu dienen, wertvolle Informationen über die Wanderrouten zu erhalten. Ein fachlich begleitetes Monitoring der Wanderrouten, auftretende Arten und Individuenzahl liefern die notwendigen Grundlagen, um schliesslich korrekt dimensionierte und ausgestaltete Amphibiendurchlässe umzusetzen. So kann die Strassenmortalität bei dieser stark gefährdeten Artgruppe – 13 von 19 Arten stehen auf der Rote Liste – reduziert werden. Permanent installierte Zwei-Weg-Amphibiendurchlässe, stets in Kombination mit Barriere- und Leitsystemen, haben sich in der Praxis bewährt, da sie die Wanderung sowohl der Adulttiere zum Laichgewässer als auch die Rückkehr der Jungtiere gewährleisten. Eine fachliche Begleitung von Planung, Ausführung und Unterhalt ist essentiell, um nicht eine zusätzliche Fragmentierung der Amphibienlebensräume (Winter-, Sommer-, Laichhabitat) zu bewirken. Ausserdem dienen die Anlagen bei richtiger Umsetzung auch Reptilien und Kleinsäuger, welche die Strasse kreuzen möchten oder müssen.

Liebesglück
Gut festgeklammert auf Julia erreicht der «liebestolle» Romeo dank Strassendurchlass sein Laichgewässer. Das kann übrigens auch ein See sein.

Und so kann die Geschichte von Romeo und Julia – frei nach William Shakespeare – doch noch umgeschrieben werden: … im Huckepack erreichen die Erdkröten Romeo und Julia dank präzise geplanten und umgesetzten Amphibiendurchlässen ihren bevorzugten Tümpel, wo sie hunderte Nachkommen zeugen. Und wenn sie nicht vom Fuchs gefressen wurden, dann leben sie noch heute.