Flachwasserzonen – Wie unsere Seen als Kinderstube für Fische dienen

Flachwasserzonen in Seen sind viel mehr als idyllische Uferbereiche – sie sind lebenswichtige Brutstätten und Kinderstuben für zahlreiche Fischarten. Doch welche Faktoren machen diese Lebensräume besonders wertvoll? Und wo befinden sich diese Lebensräume entlang der Seeufer? Eine neue Modellierungsmethode gibt Antworten.

Publikation Methode FÖP als PDF

Junger Hecht zwischen Myriophyllum spicatum
Ein junger Hecht versteckt sich zwischen Wasserpflanzen.

Viele Fischarten nutzen Flachwasserzonen als Laichgebiet und Kinderstube für ihren Nachwuchs. Pflanzenreiche Uferzonen bieten nicht nur Nahrung, sondern auch Laichsubstrat und Deckung vor Fressfeinden. Beispielsweise Hechte und Egli sind auf strukturreiche Vegetation angewiesen: Während der Hecht seine Eier an Schilfhalmen befestigt, nutzt der Egli tiefere Gewässerzonen mit Totholz und Wasserpflanzenbeständen.
Aber nicht nur Räuber profitieren. Auch Friedfische wie Rotfedern oder Schleien brauchen dichte Unterwasservegetation als Laichsubstrat. Sogar Arten, die ihre Eier frei ins Wasser abgeben, bevorzugen es, wenn ihre Eier auf Vegetationsbeständen landen – das erhöht die Überlebenschancen.

Jungfische zwischen Wasserpflanzen
Jungfische suchen Deckung innerhalb der Vegetationsstruktur und an deren Rändern.
Das Fischökologische Potenzial (FÖP) – ein Blick in die Zukunft der Gewässerbewertung

Wie kann man nun den ökologischen Wert eines Flachwassergebiets objektiv bewerten? Hier kommt das Fischökologische Potenzial (FÖP) ins Spiel – ein Modell, das die Eignung eines Gebiets als Laichhabitat und für Jungfische analysiert. Es basiert auf einer detaillierten Wasserpflanzen- und Seegrunderhebung nach MESAV+ und verwendet sogenannte Präferenzkurven.

  • Berücksichtigt werden wichtige Faktoren wie:
    • die Untergrundbeschaffenheit
    • die Vegetationsstruktur
    • die Wassertiefe
    • die saisonalen Veränderungen

Durch die Kombination dieser Faktoren wird die Habitateignung bestimmt und räumlich aufgezeigt, wo Fische ideale Bedingungen für die jeweiligen Lebensphasen finden.

Jungfische im Freiwasser
Ungeschützte Jungfische im Freiwasser.
Warum das FÖP wichtig ist

Traditionelle Methoden zur Erfassung von Fischbeständen, wie Netzfänge oder Tauchgänge, sind aufwendig und lassen in der Regel keine standortbezogenen, quantitativen Beurteilungen zu. Das FÖP-Modell bietet somit eine kosteneffiziente, nicht-invasive Ergänzung, die insbesondere eine langfristige Entwicklungen in Gewässerabschitten sowie lokale Auswirkungen menschlicher Eingriffe sichtbar macht.

  • Es kann unter anderem dabei helfen:
    • Wertvolle Fischhabitate zu identifizieren und zu lokalisieren
    • Revitalisierungsmaßnahmen zu planen und deren Entwicklung zu beurteilen
    • Menschliche Eingriffe auf ihre Auswirkungen zu überprüfen
    • Fischhabitate in unterschiedlichen Uferabschnitte zu vergleichen

Neben den bisherigen Methoden eröffnet das FÖP neue Möglichkeiten für die Identifikation und damit dem Schutz Fischhabitaten und damit verbunden lokalen Fischpopulationen. Durch kontinuierliche Datenerhebung und die Verknüpfung mit bestehenden Forschungsprojekten (z. B. «Projet Lac») können langfristige Trends erkannt und gezielte Schutzmaßnahmen entwickelt werden.
Mit innovativen Ansätzen wie dem Fischökologischen Potenzial FÖP können wir unsere Gewässer nachhaltig bewahren – für gesunde Fischbestände, artenreiche Ökosysteme und letztendlich auch für uns Menschen.

Egli-Schwarm zwischen Wasserpflanzen
Ein Egli-Schwarm angetroffen am Übergang zwischen Röhricht und Laichkrautbestand.

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Characeen – Verborgene Schönheiten in unseren Gewässern

Characeen, auch bekannt als Armleuchteralgen, sind eine bemerkenswerte Artengruppe, welche in den unterschiedlichsten Gewässern auf der ganzen Welt vorkommt. Ihre einzigartige Erscheinung und ökologische Bedeutung machen sie zu einem spannenden Thema für Naturliebhaber und Wissenschaftler gleichermaßen.

Characeen sind mehrzellige Makroalgen, die oft in klaren, nährstoffarmen Gewässern wie Seen, Teichen, Moortümpeln oder langsam fließenden Flüssen anzutreffen sind. Sie bilden dichte, grüne Teppiche am Gewässergrund, die eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen. Ihre vielgliedrigen, armleuchterartigen Strukturen, die ihnen ihren deutschen Namen verleihen, sind leicht zu erkennen.

Nitella syncarpa
Die Verwachsenfrüchtige Glanzleuchteralge (Nitella syncarpa) in einem Amphibienweiher in den Thurauen (Foto: Matthias Sturzenegger)

Characeen sind wahre Ökosystem-Ingenieure: Sie tragen zur Verbesserung der Wasserqualität bei, indem sie Nährstoffe aufnehmen und Sauerstoff produzieren. Gleichzeitig bieten sie Lebensraum und Nahrung für eine Vielzahl von Wasserlebewesen. Ihre Fähigkeit, Sedimente zu stabilisieren und dadurch beispielsweise Algenblüten in Schach zu halten, macht sie besonders wertvoll für das ökologische Gleichgewicht.

Chara hispida
Dichter Armleuchteralgenteppich, gebildet durch die Steifhaarige Armleuchteralge (Chara hispida) im St. Moritzersee (Foto: Helena Burch)

Leider sind Characeen in vielen Regionen gefährdet. Die Überdüngung von Gewässern (Eutrophierung), Lebensraumzerstörung und invasive Arten setzen ihnen zu. Die meisten Arten in der Schweiz stehen bereits auf der Roten Liste. Der Schutz ihrer Lebensräume und eine nachhaltige Gewässerbewirtschaftung sind entscheidend, um diese faszinierende Artengruppe zu bewahren.

Tolypella glomerata
Exemplar der Knäuel-Armleuchteralge (Tolypella glomerata), gemäss aktuellen Fundmeldungen die einzige Vertreterin der Gattung Tolypella in der Schweiz (Foto: Matthias Sturzenegger)

Characeen sind nicht nur ökologisch bedeutsam, sondern auch ein Beispiel für die Schönheit und Komplexität der Natur. Wer sie einmal bewusst beobachtet hat, wird die zarten Armleuchterstrukturen nie wieder vergessen.

Chara filiformis und Chara tomentosa
Dichter Bestand aus Faden-Armleuchteralge (Chara filiformis) und wenig Geweih-Armleuchteralge (Chara tomentosa) im Hintergrund, angetroffen im Luzernerbecken des Vierwaldstättersees (Foto: Matthias Sturzenegger)

PEAK-Vertiefungskurs

Im März 2025 hat die Eawag einen Kurs zum Thema «Characeen – Schutz und Förderung einer unbekannteren Artengruppe» im Angebot, welcher durch uns/Matthias Sturzenegger und Adrian Möhl geleitet wird. Dieser Kurs soll einen vertieften Einblick in die aktuelle Forschung zu Taxonomie und Autökologie einzelner Arten bieten, Möglichkeiten aufzeigen, wie die Artengruppe gefördert werden kann und anhand von Praxisbeispielen Einblick in die Chancen und Herausforderungen einer spezifischen Artförderung bieten. Die aktuelle Überarbeitung der Roten Liste der Characeen ist ebenso Bestandteil des Kurses wie der Beitrag von verschiedenen Steakholdern zu Schutz und Förderung der Armleuchteralgen. Neben der fachlichen Weiterbildung steht zudem die Vernetzung der Akteure im Vordergrund.

Chara tomentosa
Die Geweih-Armleuchteralge (Chara tomentosa) in der Flachwasserzone des Silsersees (Foto: Yvonne Bernauer)

Lokale Bekämpfung der Wasserpest

Juteabdeckung in dichtem Wasserpest-Bestand

Die invasive Wasserpflanzenart Nuttalls Wasserpest (Elodea nuttallii) hat sich in den Schweizer Gewässern etabliert. Je nach Standort kann sie sehr dichte und hochwachsende Bestände bilden. Nebst dem Verdrängen einheimischer Arten können solche Bestände auch die Erholungsnutzung nachteilig beeinflussen. In Hafenanlagen können sie den Bootsverkehr beeinträchtigen oder sie können das Baden und Fischen erschweren.

Im angehängten Artikel wird eine mögliche Bekämpfungsweise dieser invasiven Wasserpflanze (und potenziell auch weiterer invasiver Arten) dargestellt. PDF

Bewusster baden

Der Sommer ist da und die Seen laden zum baden ein. Beim Sprung ins kühle Nass ist den Wenigsten bewusst, zu welch vielfältigen Lebewesen sie sich gesellen.

Wer beim nächsten Besuch eines Sees eine Schwimmbrille oder noch besser eine Tauchmaske mitnimmt, wird die Möglichkeit haben, selbst einen Blick auf eine magische Unterwasserwelt voller Leben in den unterschiedlichsten Formen zu werfen. Was Laien schnell zum Staunen bringt, ist für Fachleute oft Anlass für Diskussionen und sogar Streitereien. Denn es gibt viele offene Fragen bezüglich der Artenvielfalt der untergetauchten Tiere und Pflanzen. Um die Lebensgemeinschaften unserer Seeufer schützen zu können, ist es von großer Bedeutung, sie genau zu kennen. Zwei Artikel in unserer Liste der Publikationen bieten Einblicke in diese faszinierende Welt, und das sogar ohne Tauchmaske.


Eine Nixe ist ein mythologisches Wesen, das in verschiedenen Kulturen vorkommt. Es wird oft als weiblicher Wassergeist dargestellt, der in Flüssen, Seen oder dem Meer lebt. Nixen werden oft als wunderschöne, anmutige Kreaturen beschrieben, die die Gestalt einer Frau haben, aber mit dem Schwanz eines Fisches enden. Sie gelten als mächtige Wesen, die mit dem Wasser verbunden sind und über magische Fähigkeiten verfügen. Grund genug, vor dem Bade mehr über die Nixenkräuter zu erfahren!

Verkannte Nixenkräuter (FloraCH N°15 / Herbstausgabe 2022). PDF

Unterwasseraufnahme des Grossen Nixenkrauts (Najas marina) im Zürichsee.

Muscheln sind weitaus mehr als nur die Hauptzutat in dem berühmten Gericht Moules-Frites. Tatsächlich haben wir sie auch hier in unseren heimischen Seen. Diese faszinierenden Lebewesen leben verborgen im Seegrund und tragen zur Vielfalt unserer Gewässer bei. Sie spielen eine wichtige Rolle im Ökosystem, indem sie als Filterfresser das Wasser reinigen und dazu beitragen, dass es klar und gesund bleibt. Wer also gerne badet, ist unseren Grossmuscheln zum Dank verpflichtet.

Ein Leben im Verborgenen: Grossmuscheln (Naturforschende Gesellschaft in Zürich, Neujahresblatt, 2022). PDF

Unterwasseraufnahme einer Entenmuschel (Anodonta anatina) im Walensee.

Der Sache auf den Grund gehen

In der Gewässerökologie liegen die Antworten meist nicht an der Oberfläche. Man muss der Sache auf den Grund gehen. Teilweise im wahrsten Sinn des Wortes. Gefragt sind dann beherzter Einsatz und Fokussierung auf die Fragestellung. Und manchmal ein Sprung ins kalte Wasser.

Wissen wo man suchen muss …
… und das richtige Rüstzeug, um Antworten zu finden.

Wir freuen uns auch im 2020 auf neue Herausforderungen und wünschen frohe Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Das Blog-Team von AquaPlus.

Auf Artenjagd mit MESAV+

Nein, bei MESAV+ handelt es sich nicht um eine neuartige Waffe. Es ist die Methodik zur Erhebung der Wasserpflanzen- und Seegrundverhälnisse. Wenn es darum geht, neue Arten nachzuweisen, kann sie jedoch als Schützenkönigin bezeichnet werden.

Da hat es in den letzten drei Jahren gleich x-Mal eingeschlagen. Zuerst zwei Fliegen mit einer Methode, äh, Klappe: Chara denudata (Nackte Armleuchteralge, DD) und Tolypella glomerata (Knäuel-Armleuchteralge, EN) im Zürichsee wieder entdeckt! Im Folgejahr erneut zwei Volltreffer mit Chara tomentosa (Geweih-Armleuchteralge, VU) an zwei Standorten. Alle drei Arten wurden entweder noch nie in diesem Gewässer festgestellt oder sie wurden seit mehr als 70 Jahren nicht mehr nachgewiesen.

Nitella mucronata (Stachelspitzige Glanzleuchteralge, EN) wurde im Zürich-Obersee «entdeckt».

Und die Erfolgsmeldungen beschränken sich dabei nicht auf den unteren Zürichsee, auch im Obersee konnten jüngst drei Arten wiederentdeckt werden: Nitella mucronata (Stachelspitzige Glanzleuchteralge, EN), Nitella syncarpa (Verwachsenfrüchtige Glanzleuchteralge, EN) und Nitella opaca (Dunkle Glanzleuchteralge, VU). Alle diese Arten weisen einen Rote Liste Status auf, ihr Nachweis ist deshalb besonders wertvoll.

Lange verschollen und nun also wieder da! Nur systematische Untersuchungen haben das Potenzial, mit Zuverlässigkeit sehr seltene Arten (wieder) zu entdecken. Und der Nachweis von wieder auftretenden Characeen-Arten im Zürichsee ist bedeutend. Es ist ein biologischer Nachweis für die Gesundung des grossen Sees, welcher nach einer langen Phase der überhöhten Nährstoffbelastung wieder Lebensraum für empfindliche Wasserpflanzen bieten kann.


Auf Schatzsuche im See

METHODENVORSTELLUNG: MESAV+

Man sieht die Wiese vor lauter Wasser nicht. Und so braucht man schon fast eine Schatzkarte, um das artenreiche Dickicht am Gewässergrund zu entdecken. Bestehend aus höheren Wasserpflanzen, Characeen, Algen und Moosen schlummert die wertvolle Unterwasservegetation wie ein unentdecktes Juwel im Verborgenen. Zeit, diesen geschützten Lebensraum sichtbar zu machen.

Publikation Methode MESAV+ als PDF

Wasserpflanzen spielen für das Ökosystem See eine zentrale Rolle. Sie sind das dominierende Strukturelement der Flachwasserzone und können hierzulande in nährstoffarmen Seen den Gewässergrund bis in rund 20 m Tiefe bedecken. Reichhaltiger Lebensraum, Nahrungsgrundlage für unzählige Organismen, Kinderstube für Fische, Selbstreinigungszentralen des Sees und CO2-Senke. Die Unterwasservegetation ist Vieles, jedoch kaum sichtbar.

Dichter Bestand aus Armleuchteralgen
Der Blick unters Wasser offenbart faszinierende Pflanzenwelten.

Mit den vielvältigen Ansprüchen an unsere Seen ergibt sich eine ganze Palette von Situationen, bei welchen detaillierte Kenntnisse über den geschützen Lebensraum unter Wasser notwendig sind. Sei dies bei Unterhalt oder Erweiterung von Hafenanlagen, im Rahmen von Seeregulierungsmassnahmen, im Zusammenhang mit Seeleitungen, bei der thermischen Nutzung von Gewässern oder wenn die Siedlungsentwässerung in den See führt aber auch als Vorstufe bei Uferaufwertungen: Die Auswirkungen auf die Unterwasservegetation müssen beurteilt werden.

Eine Methodik zur Erfassung der Wasserpflanzen- und Seegrundverhältnisse.

Die gewässerökologische Erfassung und Bewertung der Unterwasserwelten stellt keine leichte Aufgabe dar. Doch es gibt Mittel und Wege. Für die Erfassung, Beurteilung und schlussendlich zum Schutz der submersen Vegetation hat sich eine Vegetationskartierung mittels Tauchtransekten als optimal erwiesen und europaweit durchgesetzt. In der Schweiz ist diese massgeblich von AquaPlus entwickelte Methode bekannt unter der Bezeichnung MESAV+ («Methode zu Erfassung und Bewertung der submersen aquatischen Vegetation»). Sie erlaubt eine Aufnahme der Verhältnisse am Seegrund in leicht abstrahierter Form, jedoch mit der Möglichkeit zur differenzierten, quantitativen Betrachtung. Neben der reinen Vegetation werden gleichzeitig auch Grossmuscheln, Algen, die Sedimentverhältnisse und weitere Organismen aufgenommen, wie ggf. spezifische Leit- und Zielarten des Makrozoobenthos sowie von Auge erkennbare Neophyten und Neozoen, darunter auch die bekannten invasiven Arten. Der Informationsgehalt übertrifft dabei denjenigen anderer Methoden bei Weitem und bietet dadurch die Möglichkeit einer fundierten (quantitativ differenzierten) und verlässlichen Interpretation der Verhältnisse. So können konkrete Handlungsempfehlungen formuliert werden zum Schutz, zur Erhaltung und ggf. Wiederherstellung dieses nach Natur- und Heimatschutzgesetz (NHG) stark geschützten Lebensraumes, welcher sonst  verborgen bleibt.

Publikation Methode MESAV+ als PDF