Characeen – Verborgene Schönheiten in unseren Gewässern

Characeen, auch bekannt als Armleuchteralgen, sind eine bemerkenswerte Artengruppe, welche in den unterschiedlichsten Gewässern auf der ganzen Welt vorkommt. Ihre einzigartige Erscheinung und ökologische Bedeutung machen sie zu einem spannenden Thema für Naturliebhaber und Wissenschaftler gleichermaßen.

Characeen sind mehrzellige Makroalgen, die oft in klaren, nährstoffarmen Gewässern wie Seen, Teichen, Moortümpeln oder langsam fließenden Flüssen anzutreffen sind. Sie bilden dichte, grüne Teppiche am Gewässergrund, die eine wichtige Rolle im Ökosystem spielen. Ihre vielgliedrigen, armleuchterartigen Strukturen, die ihnen ihren deutschen Namen verleihen, sind leicht zu erkennen.

Nitella syncarpa
Die Verwachsenfrüchtige Glanzleuchteralge (Nitella syncarpa) in einem Amphibienweiher in den Thurauen (Foto: Matthias Sturzenegger)

Characeen sind wahre Ökosystem-Ingenieure: Sie tragen zur Verbesserung der Wasserqualität bei, indem sie Nährstoffe aufnehmen und Sauerstoff produzieren. Gleichzeitig bieten sie Lebensraum und Nahrung für eine Vielzahl von Wasserlebewesen. Ihre Fähigkeit, Sedimente zu stabilisieren und dadurch beispielsweise Algenblüten in Schach zu halten, macht sie besonders wertvoll für das ökologische Gleichgewicht.

Chara hispida
Dichter Armleuchteralgenteppich, gebildet durch die Steifhaarige Armleuchteralge (Chara hispida) im St. Moritzersee (Foto: Helena Burch)

Leider sind Characeen in vielen Regionen gefährdet. Die Überdüngung von Gewässern (Eutrophierung), Lebensraumzerstörung und invasive Arten setzen ihnen zu. Die meisten Arten in der Schweiz stehen bereits auf der Roten Liste. Der Schutz ihrer Lebensräume und eine nachhaltige Gewässerbewirtschaftung sind entscheidend, um diese faszinierende Artengruppe zu bewahren.

Tolypella glomerata
Exemplar der Knäuel-Armleuchteralge (Tolypella glomerata), gemäss aktuellen Fundmeldungen die einzige Vertreterin der Gattung Tolypella in der Schweiz (Foto: Matthias Sturzenegger)

Characeen sind nicht nur ökologisch bedeutsam, sondern auch ein Beispiel für die Schönheit und Komplexität der Natur. Wer sie einmal bewusst beobachtet hat, wird die zarten Armleuchterstrukturen nie wieder vergessen.

Chara filiformis und Chara tomentosa
Dichter Bestand aus Faden-Armleuchteralge (Chara filiformis) und wenig Geweih-Armleuchteralge (Chara tomentosa) im Hintergrund, angetroffen im Luzernerbecken des Vierwaldstättersees (Foto: Matthias Sturzenegger)

PEAK-Vertiefungskurs

Im März 2025 hat die Eawag einen Kurs zum Thema «Characeen – Schutz und Förderung einer unbekannteren Artengruppe» im Angebot, welcher durch uns/Matthias Sturzenegger und Adrian Möhl geleitet wird. Dieser Kurs soll einen vertieften Einblick in die aktuelle Forschung zu Taxonomie und Autökologie einzelner Arten bieten, Möglichkeiten aufzeigen, wie die Artengruppe gefördert werden kann und anhand von Praxisbeispielen Einblick in die Chancen und Herausforderungen einer spezifischen Artförderung bieten. Die aktuelle Überarbeitung der Roten Liste der Characeen ist ebenso Bestandteil des Kurses wie der Beitrag von verschiedenen Steakholdern zu Schutz und Förderung der Armleuchteralgen. Neben der fachlichen Weiterbildung steht zudem die Vernetzung der Akteure im Vordergrund.

Chara tomentosa
Die Geweih-Armleuchteralge (Chara tomentosa) in der Flachwasserzone des Silsersees (Foto: Yvonne Bernauer)

Auf Artenjagd mit MESAV+

Nein, bei MESAV+ handelt es sich nicht um eine neuartige Waffe. Es ist die Methodik zur Erhebung der Wasserpflanzen- und Seegrundverhälnisse. Wenn es darum geht, neue Arten nachzuweisen, kann sie jedoch als Schützenkönigin bezeichnet werden.

Da hat es in den letzten drei Jahren gleich x-Mal eingeschlagen. Zuerst zwei Fliegen mit einer Methode, äh, Klappe: Chara denudata (Nackte Armleuchteralge, DD) und Tolypella glomerata (Knäuel-Armleuchteralge, EN) im Zürichsee wieder entdeckt! Im Folgejahr erneut zwei Volltreffer mit Chara tomentosa (Geweih-Armleuchteralge, VU) an zwei Standorten. Alle drei Arten wurden entweder noch nie in diesem Gewässer festgestellt oder sie wurden seit mehr als 70 Jahren nicht mehr nachgewiesen.

Nitella mucronata (Stachelspitzige Glanzleuchteralge, EN) wurde im Zürich-Obersee «entdeckt».

Und die Erfolgsmeldungen beschränken sich dabei nicht auf den unteren Zürichsee, auch im Obersee konnten jüngst drei Arten wiederentdeckt werden: Nitella mucronata (Stachelspitzige Glanzleuchteralge, EN), Nitella syncarpa (Verwachsenfrüchtige Glanzleuchteralge, EN) und Nitella opaca (Dunkle Glanzleuchteralge, VU). Alle diese Arten weisen einen Rote Liste Status auf, ihr Nachweis ist deshalb besonders wertvoll.

Lange verschollen und nun also wieder da! Nur systematische Untersuchungen haben das Potenzial, mit Zuverlässigkeit sehr seltene Arten (wieder) zu entdecken. Und der Nachweis von wieder auftretenden Characeen-Arten im Zürichsee ist bedeutend. Es ist ein biologischer Nachweis für die Gesundung des grossen Sees, welcher nach einer langen Phase der überhöhten Nährstoffbelastung wieder Lebensraum für empfindliche Wasserpflanzen bieten kann.


Auf Schatzsuche im See

METHODENVORSTELLUNG: MESAV+

Man sieht die Wiese vor lauter Wasser nicht. Und so braucht man schon fast eine Schatzkarte, um das artenreiche Dickicht am Gewässergrund zu entdecken. Bestehend aus höheren Wasserpflanzen, Characeen, Algen und Moosen schlummert die wertvolle Unterwasservegetation wie ein unentdecktes Juwel im Verborgenen. Zeit, diesen geschützten Lebensraum sichtbar zu machen.

Publikation Methode MESAV+ als PDF

Wasserpflanzen spielen für das Ökosystem See eine zentrale Rolle. Sie sind das dominierende Strukturelement der Flachwasserzone und können hierzulande in nährstoffarmen Seen den Gewässergrund bis in rund 20 m Tiefe bedecken. Reichhaltiger Lebensraum, Nahrungsgrundlage für unzählige Organismen, Kinderstube für Fische, Selbstreinigungszentralen des Sees und CO2-Senke. Die Unterwasservegetation ist Vieles, jedoch kaum sichtbar.

Dichter Bestand aus Armleuchteralgen
Der Blick unters Wasser offenbart faszinierende Pflanzenwelten.

Mit den vielvältigen Ansprüchen an unsere Seen ergibt sich eine ganze Palette von Situationen, bei welchen detaillierte Kenntnisse über den geschützen Lebensraum unter Wasser notwendig sind. Sei dies bei Unterhalt oder Erweiterung von Hafenanlagen, im Rahmen von Seeregulierungsmassnahmen, im Zusammenhang mit Seeleitungen, bei der thermischen Nutzung von Gewässern oder wenn die Siedlungsentwässerung in den See führt aber auch als Vorstufe bei Uferaufwertungen: Die Auswirkungen auf die Unterwasservegetation müssen beurteilt werden.

Eine Methodik zur Erfassung der Wasserpflanzen- und Seegrundverhältnisse.

Die gewässerökologische Erfassung und Bewertung der Unterwasserwelten stellt keine leichte Aufgabe dar. Doch es gibt Mittel und Wege. Für die Erfassung, Beurteilung und schlussendlich zum Schutz der submersen Vegetation hat sich eine Vegetationskartierung mittels Tauchtransekten als optimal erwiesen und europaweit durchgesetzt. In der Schweiz ist diese massgeblich von AquaPlus entwickelte Methode bekannt unter der Bezeichnung MESAV+ («Methode zu Erfassung und Bewertung der submersen aquatischen Vegetation»). Sie erlaubt eine Aufnahme der Verhältnisse am Seegrund in leicht abstrahierter Form, jedoch mit der Möglichkeit zur differenzierten, quantitativen Betrachtung. Neben der reinen Vegetation werden gleichzeitig auch Grossmuscheln, Algen, die Sedimentverhältnisse und weitere Organismen aufgenommen, wie ggf. spezifische Leit- und Zielarten des Makrozoobenthos sowie von Auge erkennbare Neophyten und Neozoen, darunter auch die bekannten invasiven Arten. Der Informationsgehalt übertrifft dabei denjenigen anderer Methoden bei Weitem und bietet dadurch die Möglichkeit einer fundierten (quantitativ differenzierten) und verlässlichen Interpretation der Verhältnisse. So können konkrete Handlungsempfehlungen formuliert werden zum Schutz, zur Erhaltung und ggf. Wiederherstellung dieses nach Natur- und Heimatschutzgesetz (NHG) stark geschützten Lebensraumes, welcher sonst  verborgen bleibt.

Publikation Methode MESAV+ als PDF