Hört man Ihnen zu, Herr Öko?

Folgendes Gespräch wurde 2002 unter dem Titel «Ökologischer Gedankenfluss im Wasserbau, eine fiktive Diskussion über Sinn und Zweck ökologischer Planung und Baubegleitung» publiziert. 17 Jahre später präsentiert sich die Situation im Berufsalltag von Gewässerökologen sehr ähnlich. Es gibt in erster Linie Hochwasserschutzprojekte. Nachträglich «gewürzt» mit einer Prise Aufwertung. Die Ziele im Gewässerschutz werden so leider zu wenig beachtet. Eine fundierte ökologische Begleitplanung ist unerlässlich um das Revitalisierungspotential auszuschöpfen.

Hochwasserschutzprojekt
In dieser Projektphase ist es zu spät für die ökologische Begleitplanung. Hochwasserschutz und Revitalisierung müssen schon auf der Stufe Zielformulierung gleichwertig vertreten sein.

… wir sind also im Jahr 2002. Der Dorfbach am Rande der Kleinstadt Beispielingen ist kanalisiert und weist deshalb eine harte Uferverbauung mit spärlicher Vegetation auf. Einige hohe Schwellen im Bach selbst dienen der Sohlensicherung – bei einem Hochwasser würde sonst das Bachbett aufgerissen und ausgespült. Dieser typische Mittellandbach bietet daher seinen Fischen – Bachforellen, Groppen und Bachschmerlen – einen tristen Lebensraum. Einige der erwähnten Verbauungen sind zudem am Zerfallen, so dass der Hochwasserschutz nicht mehr greift – der Dorfbach ist in den letzten paar Jahren immer wieder über die Ufer getreten. Eine Ingenieurin, Frau Ing, wurde daher beauftragt, ein Hochwasserschutzprojekt zu erarbeiten. Gleichzeitig sollte auch eine Revitalisierung einzelner Bachabschnitte angestrebt werden, um die Lebensbedingungen für die Fische zu verbessern. Im Planungsstadium hatte die Ingenieurin bereits ein Vorprojekt erstellt, das aber mangels hinreichender Berücksichtigung der ökologischen Aspekte von der Bewilligungsbehörde zurückgewiesen wurde. Deshalb soll nun ein Gewässerökologe beigezogen werden, um  das Projekt zu prüfen und konkrete Verbesserungsvorschläge anzubringen. Frau Ing und der angefragte Ökologe, Herr Öko, treffen sich, um die ökologische Planung zur Revitalisierung des Dorfbachs zu diskutieren. Andere Aspekte wie etwa die Problematik des Landerwerbs, die sich vorwiegend auf politischer Ebene abspielen, aber auch die landschaftsgestalterische Wirkung und der Erholungswert der Flüsse werden im folgenden Gespräch ausgeklammert. Nach einer kurzen Begrüssung kommen die beiden Fachleute gleich zur Sache:

Hochwasserschutzprojekte ohne hinreichende Berücksichtigung der ökologischen Aspekte sind unvollständig und eigentlich nicht bewilligungsfähig.

Ing: Zugegeben, ich war schon sauer, als mein Projekt abgewiesen wurde. Da gibt man sich Mühe … Wenigstens hat mich der Kanton nicht im Stich gelassen und mir einige Adressen von Beratungsfirmen angegeben. Deshalb sind Sie nun da, Herr Öko. Mein Projekt ist nämlich, wie mir anhand der Kritik des Kantons klar geworden ist, zu stark auf die wasserbaulichen Belange ausgerichtet.

Öko: Gemäss der neuen Wasserbauverordnung muss bei Eingriffen in ein Gewässer der ökologische Zustand deutlich verbessert werden – ansonsten wird das Projekt nicht bewilligt. Das ist heute so.

Ing: Damit wir uns nicht missverstehen: Was meinen Sie mit «Verbesserung des ökologischen Zustandes» eigentlich genau?

Öko: Ich will Ihnen dies gern erläutern. Eine ökologische Verbesserung ist auf vielfache Weise zu erreichen. Beispielsweise kann durch die Entfernung von Schwellen die Durchgängigkeit für die Fische verbessert werden. Zudem kann die Variabilität der Breiten- und Tiefenverhältnisse und damit natürlich auch die V ielfalt der Sohlenstruktur erhöht werden. Weiter besteht die Möglichkeit, im Uferbereich durch eine standortgerechte Bepflanzung das Gewässer ökologisch aufzuwerten. Welche Massnahmen schliesslich angezeigt sind, muss am betroffenen Gewässer selbst beurteilt werden.

Ing: Gut, dann können wir jetzt auf das Projekt zu sprechen kommen. Sie kennen den Dorfbach. Er entspringt im Wald oberhalb der Siedlung, führt durch ein Waldtobel, durchquert schliesslich die Wiese von Landwirt Hans Bauer und fliesst dann durch das Siedlungsgebiet, um wenig später in den Unterdorfbach zu münden. Mit Ausnahme des Abschnittes im Waldtobel weist der Dorfbach ein Trapezprofil mit Blockwurf auf, wobei dieser an einigen Stellen schon arg beschädigt ist.

Öko: Welches sind denn die Hauptzielsetzungen des Projektes?

Ing: In erster Linie geht es darum, die Abflusskapazität zu erhöhen. Dann sollte mit Bäumen und Sträuchern auch eine bessere Einpassung in die Landschaft erreicht werden. Deshalb habe ich mir gedacht, dass man im Bereich der sowieso extensiv genutzten Wiese eine Aufweitung schaffen könnte, quasi als Retentionsraum. Das müsste eigentlich in Ihrem Sinne sein. Zudem könnte man dann die Schwellen entfernen und …

Öko: Nicht so schnell. Bevor wir uns über die Massnahmen unterhalten, müssen wir wissen, welche ökologischen Werte noch vorhanden sind und was für Mängel bestehen. Wir müssen also zuerst eine Ist-Zustands-Analyse durchführen. Diese umfasst unter anderem eine auf ökologischen Kriterien basierende Beurteilung der Gewässermorphologie. Dabei reicht aber eine allgemeine ökomorphologische Aufnahme nicht aus. Da es sich beim Dorfbach um ein Fischgewässer handelt und diese Tiere Indikatoren für die strukturelle Integrität eines Fliessgewässers sind, müssen fischökologische Aspekte erhoben werden. Zudem ist es wertvoll zu wissen, welche anderen Tier- und Pflanzenarten in und um das Gewässer vorkommen. Die Aufnahme des heutigen Zustandes muss anschliessend nach ökologischen Kriterien bewertet werden. Diese Bewertung erlaubt uns dann – im Vergleich zu einem Referenzzustand –, die ökologischen Defizite aufzuzeigen. Anschliessend …

Ing: Ich verstehe, dass Sie als Ökologe keinen Aufwand scheuen, das Beste für die Natur herauszuholen. Aber sehen Sie sich den Bach doch an. Egal, was wir dort machen, es wird für die Natur doch sowieso besser.

Öko: Das ist vermutlich schon so. Aber das Ziel muss doch sein, das ökologische Potenzial dieser Revitalisierung möglichst auszuschöpfen, natürlich innerhalb der gegebenen Randbedingungen. Zudem sollten bestehende Lebensräume nicht zerstört werden. Das können wir aber nur, wenn wir über eine ausreichend genaue Ist-Zustands-Analyse verfügen. Zudem wird man ohne Kenntnis des heutigen Zustandes keine Erfolgskontrolle durchführen und daher nicht klar aufzeigen können, dass sich die ökologische Situation nach dem Eingriff auch tatsächlich verbessert hat.

Ing: Gut. Ich bin einverstanden, fundierte Abklärungen durchführen zu lassen. Bis wann können sie eine Ist-Zustands-Analyse erarbeiten?

Öko: Es ist gut möglich, dass bereits ökologische Daten bei der Gemeinde oder beim Kanton vorliegen und diese für das Projekt verwendet werden können. In diesem Fall reicht eine Begehung aus. Falls wir aber die Grundlagen selber erheben müssen, kann das im ungünstigsten Fall ein Jahr dauern.

Ing: Weshalb denn das?

Öko: Nun, ökologische Erhebungen machen nur Sinn, wenn sie in der richtigen Jahreszeit durchgeführt werden. Wenn wir beispielsweise den Wert des Dorfbaches für die Naturverlaichung der Fische erfahren wollen, müssen wir mindestens bis zum nächsten Frühling warten.

Ing: Also gut, irgendwie werde ich das dem Auftraggeber erklären müssen. Sie haben noch einen Vergleich zum Referenzzustand erwähnt. Da möchte ich klar festhalten, dass es nicht darum gehen kann, aus dem Dorfbach ein wildes Gewässer zu machen. Der Hochwasserschutz hat absolute Priorität. Da gibt es keinen Spielraum für irgendwelche Experimente.

Öko: So ist das auch nicht gemeint. Der Referenzzustand sollte sich möglichst am natürlichen Zustand orientieren. Im Allgemeinen ziehen wir hierfür historische Karten bei. Ein Vergleich zeigt uns, wo die ökologischen Defizite liegen. Unter Einbezug des ökologischen Potenzials des Revitalisierungsprojektes …

Ing: Es handelt sich um ein Hochwasserschutzprojekt!

Öko: Ja, natürlich … ein Hochwasserschutzprojekt. Also, unter Einbezug des ökologischen Potenzials, das durch die äusseren Zwänge – wie etwa das Raumangebot – definiert wird, lassen sich Prioritäten und damit  auch spezifische Ziele für die Revitalisierung setzen. Erst wenn diese Ziele definiert sind, überlegen wir uns, wie sie erreicht werden können – welche Massnahmen daher ergriffen werden sollten. Ohne Zieldefinition laufen wir Gefahr, potenzielle Massnahmen nur aufgrund ihrer strukturellen Eigenschaften zu bewerten. Wichtig sind aber ihre funktionellen Aspekte. Bei der Wahl der Massnahmen muss man also nicht nur nach dem «Wie», sondern auch nach dem «Wozu» fragen.

Ing: Das klingt aber reichlich übertrieben. Ein gewisser Pragmatismus wäre sicher angebracht.

Öko: Da haben Sie Recht. In der Praxis wird meist auch, schon aus Zeit- und Kostengründen, pragmatisch vorgegangen. Trotzdem ist ein strukturiertes Vorgehen bei der ökologischen Planung unabdingbar. Nur so haben wir einigermassen die Gewähr, innerhalb der gesetzten Randbedingungen das Bestmögliche für das Gewässer zu erreichen.

Ing: Das sehe ich ein. Unsere Arbeit läuft eigentlich genauso ab. Auch wir müssen zuerst die gegebene Situation analysieren und konkrete Ziele formulieren, bevor wir geeignete Massnahmen ausarbeiten können. Im Grundsatz unterscheiden sich die für den Wasserbau und die Ökologie notwendigen Planungsschritte also kaum. Wichtig scheint mir, dass die beiden Planungen auf der Ebene der Stufen Zielformulierung und Massnahmen einander angeglichen werden.

Die ökologische Planung sollte von Projektbeginn weg stattfinden. So werden das ökologische Potential ausgeschöpft, Projetverzögerungen vermieden und Kosten optimiert.

Öko: Genau. Der Einbezug des Gewässerökologen in einem möglichst frühen Planungsstadium ist sehr wichtig. Je nach Bedeutung des Projekts gilt dies auch für andere Aspekte wie Landschaftsgestaltung und Erholungsfunktion. Ansonsten riskiert man zeitliche Verzögerungen und zusätzliche Kosten. Entscheidend ist aber auch, dass die Arbeit des Ökologen mit der Planung nicht abgeschlossen ist. Unsere Erfahrungen haben immer wieder gezeigt, wie wichtig die Anwesenheit des Gewässerökologen während der Bauphase vor Ort ist. Die wenigsten Baufirmen sind wirklich erfahren im naturnahen Wasserbau, deshalb erscheint uns eine ökologische Baubegleitung sinnvoll. Wir sollten auch daran denken, einige Zeit nach Abschluss der Bauarbeiten eine Erfolgskontrolle durchzuführen. Nur so können wir gemachte Fehler erkennen, diese ausausmerzen und aus ihnen für künftige Projekte lernen.

Das Original dieses Artikels finden Sie hier.

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